Interview mit Joby Talbot

Die innovativste neue Musik wird für Hollywood-Filmmusik in Auftrag gegeben. Joby Talbot, ein moderner Komponist, hat schon die Musik für die Fernsehserie "Liga der außergewöhnlichen Gentlemen" geschrieben und Stücke für "The Divine Comedy" arrangiert. Zurzeit arbeitet er am Soundtrack von "Per Anhalter durch die Galaxis", jenes Kultbuch von Douglas Adams, das Anfang 80er-Jahren die Gemüter so vieler von Science-Fiction-Besessener, vorzugsweise Brille tragender Jungs nachhaltig bewegt hat, die doch nur ein Bisschen Fantasy wollten.

Für Talbot ist dieser Auftrag die Verwirklichung eines Traums: Er war einer dieser Jungs. "Einige Leute können den Koran auswendig. Ich kann 'Per Anhalter durch die Galaxis' auswendig."

"Während eines Treffens mit den Produzenten zitierte jemand eine Zeile aus dem Buch und ich musste mich schon sehr zusammenreißen, nicht die ganze Szene vorzutragen, damit man mich nicht für verrückt hielt. Ich kann noch gar nicht glauben, dass ich an dieser Filmumsetzung arbeite, die brillant werden wird."

Talbot nimmt eine einzigartige Stellung in der Musik ein. Er spielt klassische Musik, seit er mit vier Jahren Klavier und Oboe erlernte. Er hat an der Guildhall-Schule studiert und zusammen mit Michael Nyman gearbeitet. Als Erwachsener war er aber auch lange mit Rock- und Pop-Gruppen unterwegs, daher weiß er, was die beiden wichtigsten Musikwelten von einander lernen können.

Moderne klassische Komponisten könnten zum Beispiel ein Stück an einem etwas poppigeren Stil aufhängen, behauptet er. Und Pop- wie Rock-Musiker könnten lernen, nicht immer das zu kopieren, was gerade erst erfolgreich war. "Der gängige Meinung zur klassischen Musik sagt, sie bestehe zu zehn Prozent Eingebung und zu 90 Prozent aus Schweiß. Das sehe ich nicht so. Nachdem ich nun mit all den Popmusikern gearbeitet habe, ist mir klar geworden, dass die anfängliche Eingebung das allerwichtigste ist. Viel zu viel Konzertmusik basiert ausschließlich auf Technik und nicht auf Einfallsreichtum. Und die Popmusik sollte versuchen, Originalität mehr zu schätzen."

Talbot bereitet sich momentan auf seinen Beitrag zur BBC-Sendung "Proms" vor: Ein Stück für das walisische Nationalorchester mit dem Namen "Sneaker Waves", das am 2. September aufgeführt wurde. "Das ist ein weiterer Lebenstraum, der wahr wird. Ich habe meine Jugend damit verbracht, Schlange zu stehen, um da rein zu kommen und mit Tagträumen darüber, wie ich eines Tages ein eigenes Stück für die Proms schreibe. Für einen klassischen Musiker, der in London aufgewachsen ist, sind die Proms das Ein und Alles; das größte Musikfestival der Welt."

Mit neun Jahren schrieb Talbot sein erstes Klavierstück. ("Es war Blödsinn, loben Sie mich bloß nicht wegen irgendwelcher Frühreife.") Einige Jahre später wurde ihm klar, dass er Komponist werden wollte. "Es ist ja gut und schön, sich das vorzunehmen, aber die Chancen, als Komponist in diesem Land Geld zu verdienen, sind mehr als gering. Es ist fast schon unmöglich nur vom Schreiben von Konzertmusik zu leben. Der Lohn fürs Musikschreiben ist nicht der Rede wert. Man bekommt sein Geld, wenn das Stück aufgeführt wird. Aber wenn man sechs Monate damit zubringt, sein Meisterwerk als Streichquartett zu komponieren und es dann in einem Gemeindesaal mit 200 Sitzplätzen aufgeführt wird - ein einziges Mal -, kommt am Ende nicht viel dabei rum."

Talbot hat mit Variationen überlebt. Ein Großteil seiner Musik wurde zwischen zwei Soundchecks bei einem Pop-Konzert in feuchten Umkleideräumen geschrieben, in denen das Wasser von der Decke tropfte. "Mein erster großer Auftrag - ein 45-minütiges Orchesterstück - habe ich auf der Rückbank eines Tour-Busses geschrieben. Das lehrt einen Mut im Angesicht des Feindes und es ist etwas ganz anderes als im stillen Kämmerlein zu sitzen und darauf zu warten, dass einen die Muse küsst. Ich würde solch eine Arbeitsumgebung als leblos und steril empfinden. Den Versuch einer solchen Isolation empfinde ich als sehr einsam und, so möchte ich meinen, ziemlich langweilig.

Talbot ist nicht stolz auf seine Plattensammlung. Van Halen und Aerosmith reihen sich neben Mendelssohn und Vaugh Williams ein, und es gibt sogar Alben, die die beiden verbinden. "Meine Frau hat mir kürzlich einen Plattenspieler gekauft und ich konnte es kaum erwarten, meine ganzen alten Jugend-Alben rauszukramen - bis ich merkte, was das für welche waren", sagt er. "Ich war ein großer Fan von Yes. Ich war ein sehr großer Fan von 'Krieg der Welten' von Jeff Wayne. Der Teil, den ich immer wieder faszinierend finde, ist der, wo sie über die Geräusche von Schienen sprechen. In Mitcham wohnten wir ganz in der Nähe einer Bahnstrecke und ich habe immer nachts wach gelegen und den gruseligen Geräuschen gelauscht, die diese Schienen machten. Als ich später diese Geräusche als Musikstück hörte, dachte ich, es sei speziell für mich geschrieben. Der Erzähler war Richard Burton und er war mein Held. Ich habe mir 'The Medusa Touch' mit Stift und Papier in der Hand angeschaut, um mir die stellenweise unanständigen Zeilen notieren zu können. Aber Leute wie Yes und Jeff Wayne haben das Unmögliche versucht: eine Rocksymphonie zu schreiben. Das kann einfach nicht funktionieren. Ich weiß nicht, wessen Fehler das Ganze ist. Ich glaube The Who tragen die größte Schuld."

Mahler, Shostakovich und Stravinsky sind einige von Talbots Lieblings-Komponisten und er entdeckte modere Komponisten wie John Adams und Steve Reich im Alter von 18 Jahren. "Es war so eines dieser Jugend-Klischees, dass ich - begleitet von Hyperaktivität - diese überdrehte Musik mochte", sagt er. "Ich erinnere mich, dass ich mir einmal ein Mahler-Stück in der Königlichen Festhalle ansehen ging und dass ich dort so aufgeregt war, dass ich zu heulen anfing. Ich dachte, dass das so sein müsse, dass man, wenn man ein Konzert nicht in Tränen verließ, sein Geld zurückverlangen sollte."

Aber es ist die Welt der Filmmusik, die Talbot als lebendigste der modernen Komposition empfindet. "Michael Danners Musik für 'The Ice Storm' ist einfach nur großartig. Carter Burwell, der die Musik der Coen-Brüder schreibt ist brillant, genauso wie Thomas Newman, der die Musik für 'American Beauty' und 'Road to Perdition' schrieb. Die gesamte Musikszene der letzten paar Jahre war ganz schön armselig. Der einzige Ort, an dem man begeisternde, innovative Musik hören konnte, war das Kino. Das kann man allein schon daran sehen, dass John Williams einen so brillanten Soundtrack wie den für 'Catch Me If You Can' schreiben musste, um mithalten zu können. Wir leben in einem goldenen Zeitalter der Filmmusik."

Dieses Interview wurde geführt vom Guardian und ins Deutsche übersetzt von Stefan Hildebrand.

 
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